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12.11.2025

Neuralgische Punkte

Heute gibt es viele Produkte und Lösungen für Tür- und Fenstertürschwellen, die die Anforderungen an die Hindernisfreiheit erfüllen. In der Praxis müssen wir aber leider feststellen, dass selbst bei Neubauten noch Schwellen eingebaut werden, die mit dem Rollstuhl oder Rollator praktisch unüberwindbar sind.


Ein wichtiger Punkt bei der Umsetzung des hindernisfreien Bauens ist die Gestaltung der Übergänge zwischen verschiedenen Räumen. Tür- und Fenstertürschwellen sind dabei eine besondere Herausforderung. Für Menschen im Rollstuhl oder für ältere Menschen mit Rollator können selbst kleine Schwellen schon ein echtes Problem sein. Sie bergen nämlich ein hohes Risiko, nach hinten zu kippen, wenn man die Vorderräder anhebt, um die Schwelle zu überwinden. Oft sind es nur wenige Millimeter, die den Unterschied machen, ob man mit dem Rollstuhl einen Raum nutzen oder besuchen kann – oder ob man draussen bleiben muss. Das sollte uns allen bewusst sein, wenn wir als Planende, Bauherrschaften oder Ausführende entscheiden, wie Tür- oder Fensterschwellen ausgebildet werden.

(Foto: Hindernisfreie Architektur)


Geltende Normen 

Die Mindestanforderungen an Tür- und Fenstertürschwellen sind in der Norm SIA 500 «Hindernisfreie Bauten» folgendermassen geregelt: 


-    Türen sind grundsätzlich ohne Schwellen und vorzugsweise ohne Absätze auszubilden. Maximal
     25 mm hohe, einseitige Absätze oder flachgewölbte Deckschienen sind zulässig. 


-    Bei Türen und Fenstertüren zum Aussenbereich sind aus unausweichlichen konstruktiven
     Gründen Schwellen bis zu 25 mm Höhe über dem Innen- und Aussenboden zulässig. 


-    Ein höherer Absatz als 25 mm im Aussenbereich ist zulässig, sofern der Aussenboden (z. B. durch
     einen Holzrost) auf die erforderliche Höhe angepasst werden kann. Dies setzt voraus, dass
     Geländer und Absturzsicherungen entsprechend den gesetzlichen Anforderungen vordimensioniert
     sind bzw. zusammen mit dem Boden angepasst werden.


Neben den spezifischen Vorgaben für eine hindernisfreie Architektur müssen weitere Normen zur Ausführung der Fenstertürschwelle zugezogen werden, insbesondere die SIA 271 «Abdichtungen von Hochbauten» und die SIA 331 «Fenster und Fenstertüren»


Detaillösungen 

Die nachfolgenden Detailvorschläge entsprechen dem derzeitigen Stand der Technik sowie den geltenden Normen. Sie sind als Grundschemata zu verstehen, die selbstverständlich der jeweiligen Situation angepasst werden müssen. Die Gewährleistung der Dichtheit gemäss SIA-Norm 271 und der Hindernisfreiheit gemäß SIA 500 kann grundsätzlich auf zwei Arten erfüllt werden:


-    Einbau eines wasserdurchlässigen Gehbelags auf einem offenen Tragsystem mit einer mindestens
     10 mm breiten Fuge vor der Tür- oder Fenstertürschwelle. Dabei ist zu beachten, dass der
     Fugenanteil pro m² mindestens 1 m beträgt. Die Fugenbreite muss mindestens 3 mm und darf nicht
     mehr als 10 mm betragen, um eine Überfahrbarkeit mit dem Rollstuhl zu gewährleisten.


-    Geschlossener Gehbelag mit einem Gefälle von min. 1.5% bis max. 2% vom Gebäude weg sowie
     Sicherheitsrinne von mind. 30 mm Höhe und mit einem Entwässerungsquerschnitt von
     mind. 2000 mm2 vor der Tür- oder Fenstertürschwelle.


Weitere Informationen können dem Merkblatt 031 «Fenstertürschwellen» der Schweizer Fachstelle entnommen werden. 








Auszug MB031 Fenstertürschwellen, Rollstuhlgerechte Ausführung


Praxisbeispiele

Im Folgenden präsentieren wir eine Auswahl an Tür- und Fenstertürschwellen, die wir bei Neu- und Umbauten von Wohngebäuden genauer unter die Lupe genommen haben. Neben einigen richtig guten und vorbildlichen Lösungen zeigen wir bewusst auch ein paar weniger optimale Fälle, um daraus zu lernen.


(Foto: Hindernisfreie Architektur)


Neubau Wesemlin. Ausblick ohne Hindernisse.

Die Erweiterung des Wohnbereichs über die eigenen vier Wände hinaus ist ein wesentlicher Baustein der Wohnqualität und muss allen Menschen ermöglicht werden. Um die Hindernisfreiheit zu gewährleisten, dürfen Fenstertürschwellen nicht höher als 25 mm sein. Es gibt bereits ausgereifte Produkte auf dem Markt, die praktisch keine oder nur eine minimale Schwellenhöhe aufweisen, wie hier gezeigt. Die Wahl, den Balkonboden mit einem Holzbelag zu gestalten, hat den Vorteil, dass der Übergang zum Aussenbereich schwellenlos realisiert werden kann, da sich die wasserableitende Ebene unterhalb der wasserdurchlässigen Holzterrasse befindet. 

(Foto: Hindernisfreie Architektur)


Umbau Langensand. Hinein- und Hinauswohnen ohne Schranken

Die Zugangstür zum Wintergarten ist auch die Eingangstür zur Wohnung, wenn man mit dem Aufzug kommt. Sowohl die Durchgangsbreite als auch die Schwellenhöhe von weniger als 25 mm gewährleisten ein ungehindertes Passieren mit Rollstuhl oder Rollator. Da sich das Fenster in diesem Fall im Wintergarten befindet und somit nicht der Witterung ausgesetzt ist, wurde das Schwellendetail hier ohne Entwässerungsrinne ausgeführt. 

(Foto: Hindernisfreie Architektur)

 

Umbau Industrie 2. Die wachsende Wohnung.

Im Rahmen der Instandsetzung und unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes war es möglich, die Fassade zur Hofseite um eine Raumschicht zu ergänzen. Die kompakt geschnittenen Wohnungen profitieren so durch eine Terrasse und die Erweiterung des Wohnzimmers noch stärker vom Hof. Die Möglichkeit, in der Fassadenebene zusätzliche Bauteile zu integrieren, vereinfachte die Umsetzung der Hindernisfreiheit enorm, da sich die Höhe des neuen Bodens so gestalten liess, dass die Schwellenhöhe bei den Fenstertüren nicht mehr als 25 Millimeter beträgt. Mittlerweile gibt es nahezu schwellenfreie Fenster- und Türprofile, in diesem Fall sind entsprechende Detailausführungen zur Schlagregendichtheit zu beachten. 

(Foto: Hindernisfreie Architektur)


Umbau Holligerhof. Vieles ist richtig, aber etwas Entscheidendes fehlt...

Der Balkon ist so dimensioniert, dass er auch von Personen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, gut genutzt werden kann. Positiv ist auch, dass sich beide Flügel der Fenstertür öffnen lassen, so dass eine grosszügige Durchgangsbreite gegeben ist. Auch die Höhe des Geländers ist bereits so bemessen, dass während der Nutzungsphase ein weiterer Fussboden auf dem Balkon verlegt werden kann. Kurz gesagt, hier hat man an vieles gedacht. Schade nur, dass die Schwelle der Fenstertür auf der Innenseite deutlich höher ist als die Obergrenze von 25 mm, die in der SIA-Norm 500 definiert ist. Das macht sie nicht nur zu einer Stolperfalle, sondern auch zu einem echten Hindernis. Für Personen im Rollstuhl stellt sie eine ernsthafte Gefahr dar. Sie können z.B. rückwärts stürzen, wenn sie versuchen, die Vorderräder anzuheben, um die Schwelle zu überwinden, was an sich schon eine erhebliche körperliche Anstrengung erfordert. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es heute in den Standardsystemen der Fensterhersteller entsprechende Lösungen und Ausführungsdetails gibt, die den Anforderungen an Hindernisfreiheit und Schlagregendichtheit gerecht werden. 

(Foto: Hindernisfreie Architektur)


Neubau Casa agli Orti. Fenstertürschwellen mit einem Absatz von mehr als 25 mm über dem Aussenboden sind gemäss der SIA-Norm 500 zulässig, wenn der Aussenboden im Bedarfsfall auf die erforderliche Höhe angepasst werden kann und die Höhe des Balkongeländers weiterhin den gesetzlichen Anforderungen an die Absturzsicherheit entspricht.

(Foto: Hindernisfreie Architektur)


Umbau Brückenkopf. Kleine Oase ohne Hindernisse. 

Private Aussenräume sind wichtige Orte, um sich zurückzuziehen, zu entspannen, um zu gärtnern oder einfach für Dinge, für die in der Wohnung gerade kein Platz ist. Sie tragen wesentlich zur Wohnqualität bei und sollen in allen Lebenslagen zugänglich sein. Die SIA500 schreibt deshalb vor, dass Fenstertüren schwellenlos oder mit einem einseitigen Bodenabsatz von maximal 25 mm Höhe ausgeführt werden dürfen. Anderenfalls besteht die Gefahr, dass eine Person im Rollstuhl beim Überfahren der Schwelle nach hinten kippt oder die Schwelle schlicht nicht überwinden kann. Hindernisfreie Fenstertürschwellen sind heute praktisch im Standardsortiment erhältlich. Ein gutes Beispiel ist die hier gezeigte Ausführung - schwellenlos - in einer wettergeschützten Loggia mit Ablaufrinne und untenliegender wasserführender Schicht, wodurch auch der Schutz vor Schlagregen gewährleistet ist. 

(Foto: Hindernisfreie Architektur)

 

Neubau Brahmshof. Schwellenlos voraus. Im Brahmshof wurde auch eine der ersten rollstuhlgerechten Schwellenlösungen umgesetzt. Bereits mit den damaligen Konstruktionslösungen war es möglich, Schwellen mit einer Höhe von 25 mm zu realisieren, was auch heute noch dem Maximalwert für Rollstuhlgängigkeit entspricht. Auch hinsichtlich des Witterungsschutzes hat sich diese Lösung nach über dreissig Jahren bewährt. Heute gibt es Lösungen, die praktisch ohne Schwellen auskommen. Wichtig ist in jedem Fall, dass auf den Schutz vor Schlagregen geachtet wird.